Zum Hauptinhalt springen
Zurück zum Blog
Vergaberecht8 Min. Lesezeit

SektVO 2026: Auftraggeber, Schwellenwerte und VgV-Vergleich

SektVO 2026 verständlich erklärt: Wer ist Sektorenauftraggeber, welche EU-Schwellenwerte gelten und was unterscheidet die Sektorenverordnung von der VgV?
PT

procuris Team

Redaktion

Die Sektorenverordnung (SektVO) enthält eigene Teilnahmeregeln für bestimmte Aufträge von Energieversorgern, Wasserbetrieben und Verkehrsunternehmen. Wer sie kennt, erkennt früher, ob zunächst ein Teilnahmeantrag, eine Interessensbekundung oder die Aufnahme in ein Qualifizierungssystem erforderlich ist.

Die erste Prüfung besteht aus drei Fragen: Ist das Unternehmen ein Sektorenauftraggeber? Dient die Beschaffung einer Sektorentätigkeit? Erreicht der geschätzte Auftragswert den maßgeblichen Schwellenwert? Diese Verbindung ergibt sich aus § 1 SektVO und § 106 GWB.

Rechts- und Quellenstand: 5. September 2026.

Was regelt die Sektorenverordnung?

Die SektVO konkretisiert die Vergabevorschriften aus GWB Teil 4 für bestimmte Tätigkeiten der Versorgung, des Verkehrs und der Postdienste. Sie regelt unter anderem Verfahrensarten, Bekanntmachungen, Eignungsprüfung und Zuschlag. Die europäische Grundlage bildet die Sektorenrichtlinie 2014/25/EU.

Der Anwendungsbereich umfasst Bau-, Liefer- und Dienstleistungsaufträge. Die SektVO ist daher auch für Bauunternehmen relevant. Für Konzessionen verweist § 1 Absatz 3 dagegen auf die Konzessionsvergabeverordnung; verteidigungs- oder sicherheitsspezifische öffentliche Aufträge sind nach Absatz 2 ausgenommen. Die Einordnung als öffentlicher Auftrag oder Konzession gehört somit vor die Auswahl des Verfahrens. § 1 SektVO.

Eine kurze Begriffsdefinition finden Sie im Glossar zur Sektorenverordnung.

Wer ist Sektorenauftraggeber?

§ 100 GWB unterscheidet zwei Gruppen:

  • Öffentliche Auftraggeber nach § 99 Nummer 1 bis 3 GWB, die eine Sektorentätigkeit ausüben.
  • Natürliche oder juristische Personen des privaten Rechts, die eine Sektorentätigkeit auf Grundlage besonderer oder ausschließlicher Rechte ausüben oder unter beherrschendem Einfluss der genannten öffentlichen Auftraggeber stehen.

Ein beherrschender Einfluss wird beispielsweise bei einer öffentlichen Kapital- oder Stimmrechtsmehrheit vermutet. Eine GmbH kann deshalb ebenso Sektorenauftraggeber sein wie eine öffentlich organisierte Einrichtung. Umgekehrt begründet die Tätigkeit in einer Versorgungsbranche allein diese Eigenschaft noch nicht. Auch eine behördlich erteilte Berechtigung zählt nicht automatisch als besonderes oder ausschließliches Recht: § 100 Absatz 2 nimmt bestimmte transparent und anhand objektiver Kriterien vergebene Rechte aus.

Erfassen Sie den genauen Namen der ausschreibenden Gesellschaft. Ein Konzern kann mehrere Gesellschaften mit unterschiedlichen Aufgaben enthalten. Prüfen Sie in der Bekanntmachung die Rechtsgrundlage und den konkreten Beschaffungszweck, bevor Sie aus dem bekannten Markennamen auf das Verfahren schließen.

Welche Tätigkeiten gehören zum Sektorenbereich?

Maßgeblich ist die gesetzliche Beschreibung in § 102 GWB. Sie erfasst insbesondere:

BereichErfasste Tätigkeiten, verkürzt dargestellt
TrinkwasserBereitstellen oder Betreiben öffentlicher Versorgungsnetze und Einspeisen von Trinkwasser; bestimmte verbundene Tätigkeiten
Elektrizität, Gas und WärmeBereitstellen oder Betreiben entsprechender Versorgungsnetze und die gesetzlich erfasste Einspeisung
VerkehrsleistungenNetze für Eisenbahn, Straßenbahn, Bus und weitere im Gesetz genannte Verkehrsmittel unter den dort beschriebenen Bedingungen
Häfen und FlughäfenBereitstellen von Häfen, Flughäfen und Terminaleinrichtungen für Verkehrsunternehmen
Fossile BrennstoffeFörderung von Öl oder Gas sowie Exploration oder Förderung von Kohle oder anderen festen Brennstoffen
PostdiensteAbholung, Sortierung, Transport und Zustellung von Postsendungen sowie bestimmte weitere Dienste

Die Tabelle ersetzt nicht die Einzelprüfung. So enthält § 102 Ausnahmen für bestimmte Einspeisungen aus Eigenverbrauchsanlagen. Auch lässt sich aus dem Wort „Wasser“ allein keine Zuordnung ableiten. Der genaue Zusammenhang mit der gesetzlich beschriebenen Tätigkeit entscheidet.

Hypothetisches Beispiel: Eine kommunal beherrschte Netzgesellschaft beschafft Pumpen für ihr Trinkwassernetz. Auftraggebereigenschaft und Verwendungszweck sprechen hier für eine Prüfung nach SektVO. Beschafft eine andere Konzerngesellschaft Ausstattung für eine Tätigkeit ohne Sektorenbezug, müssen deren Rechtsstellung und Beschaffung gesondert eingeordnet werden. Der Konzernname beantwortet diese Frage nicht.

Welche Schwellenwerte gelten 2026 und 2027?

Seit dem 1. Januar 2026 gelten folgende Werte. Sie beziehen sich auf den geschätzten Auftragswert ohne Umsatzsteuer; bereits das Erreichen genügt. Die Anpassung erfolgt durch die Delegierte Verordnung (EU) 2025/2150, die vollständige Einteilung steht in Artikel 15 der Richtlinie 2014/25/EU.

Auftragsart im SektorenbereichSchwellenwert 2026/2027 netto
Reguläre Liefer- und Dienstleistungsaufträge sowie Wettbewerbe432.000 Euro
Bauaufträge5.404.000 Euro
Soziale und andere besondere Dienstleistungen nach Anhang XVII der Sektorenrichtlinie1.000.000 Euro

Die Millionengrenze gilt nur für die erfassten besonderen Dienstleistungen. Sie ist keine allgemeine Dienstleistungsschwelle. Ordnen Sie die Leistung anhand des einschlägigen Anhangs ein, bevor Sie diesen Wert verwenden.

Gesamtwert statt Jahresbudget betrachten

In die Schätzung gehören nach § 2 SektVO auch Optionen und Vertragsverlängerungen. Bei Rahmenvereinbarungen zählt der geschätzte Gesamtwert der über die gesamte Laufzeit geplanten Einzelaufträge. Eine Aufteilung zur Umgehung des Vergaberechts ist unzulässig.

Hypothetisches Rechenbeispiel: Ein Wartungsvertrag für eine Verkehrsanlage umfasst drei Jahre zu jeweils 110.000 Euro netto und eine Verlängerungsoption um ein weiteres Jahr zu 110.000 Euro. Der geschätzte Gesamtwert beträgt 440.000 Euro. Bei einem regulären Dienstleistungsauftrag liegt er damit über 432.000 Euro, obwohl das jährliche Budget deutlich darunter bleibt. Die übrigen Voraussetzungen und mögliche Ausnahmen sind zusätzlich zu prüfen.

Unterhalb des einschlägigen Schwellenwerts greift die SektVO nicht allein aufgrund der Sektorentätigkeit. Welche anderen Vorgaben gelten, hängt unter anderem vom Auftraggeber und den einschlägigen nationalen Regeln ab. Eine nationale Ausschreibung lässt sich deshalb nicht allein durch Austausch der Wertgrenze aus einem SektVO-Verfahren ableiten. Ausgangspunkt für die Schwellenprüfung bleibt § 106 GWB.

SektVO und VgV: die Unterschiede für Bieter

Für die Bearbeitung eines Angebots sind besonders drei Unterschiede relevant:

PunktSektVOVgV
VerfahrenswahlOffenes, nicht offenes und Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb sowie wettbewerblicher Dialog stehen zur WahlGrundsätzlich freie Wahl zwischen offenem und nicht offenem Verfahren; weitere Verfahren benötigen zusätzliche Voraussetzungen
Zugang über QualifizierungEigenes Qualifizierungssystem mit jederzeitiger Antragsmöglichkeit und möglichen Vergaben unter qualifizierten UnternehmenKeine entsprechende Regelung eines Sektoren-Qualifizierungssystems nach § 48 SektVO
RahmenvereinbarungGrundsätzlich höchstens acht JahreGrundsätzlich höchstens vier Jahre

Die Verfahrenswahl ergibt sich aus § 13 SektVO und § 14 VgV. Für Qualifizierungssysteme gilt § 48 SektVO. Bei den Laufzeiten erlauben § 19 Absatz 3 SektVO und § 21 Absatz 6 VgV jeweils begründete Sonderfälle.

Planen Sie bei einer möglichen Verhandlung Kapazität für technische und kaufmännische Gespräche ein. Prüfen Sie bei langen Rahmenvereinbarungen Preisänderungsregeln, Lieferfähigkeit und personelle Bindung über die Laufzeit. Diese Punkte beeinflussen, ob ein Auftrag wirtschaftlich zu Ihrem Unternehmen passt.

Die Freiheit bei der Verfahrenswahl erlaubt keine beliebige Vergabe ohne Wettbewerb. Ein Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb benötigt einen gesetzlichen Ausnahmegrund. Details und typische Fehlannahmen behandelt unser Beitrag zu § 13 SektVO.

Wie finden Sie den richtigen Einstieg in ein Verfahren?

Beschränken Sie Ihre Recherche nicht auf Bekanntmachungen mit einer Angebotsfrist. Nach § 36 SektVO kann eine regelmäßige nicht verbindliche Bekanntmachung unter bestimmten Voraussetzungen als Zugang zum Wettbewerb dienen. Dann müssen interessierte Unternehmen zunächst ihr Interesse mitteilen. Wer erst auf eine gesonderte Auftragsbekanntmachung wartet, kann diesen Zugang verpassen.

Eine weitere Möglichkeit sind Qualifizierungssysteme. Unternehmen müssen jederzeit die Zulassung beantragen können. Erfolgt die Bekanntmachung über ein solches System, können nicht offene Verfahren oder Verhandlungsverfahren unter den bereits qualifizierten Bewerbern durchgeführt werden. Die Aufnahme ist daher eine eigene Aufgabe mit Nachweisen und Zuständigkeit; sie ist noch kein Auftrag. § 48 SektVO.

Legen Sie für relevante Auftraggeber eine kurze Übersicht an: ausschreibende Gesellschaft, Leistungsbereiche, genutztes Portal, vorhandenes Qualifizierungssystem und nächste Aktion. Verbinden Sie diese Übersicht mit Ihrem Monitoring für automatische Ausschreibungssuche. Speichern Sie bei jedem Treffer den Link zur Originalbekanntmachung und prüfen Sie dort die aktuelle Verfahrensstufe.

Checkliste vor Ihrer Teilnahmeentscheidung

  • Sind Auftraggeber, Sektorentätigkeit und Beschaffungszweck nachvollziehbar eingeordnet?
  • Wurden Auftragsart, Laufzeit, Optionen und gegebenenfalls die Zusammenrechnung von Losen berücksichtigt?
  • Ist ein Angebot, ein Teilnahmeantrag, eine Interessensbekundung oder eine Qualifizierung erforderlich?
  • Wer beschafft Referenzen, Erklärungen und technische Belege bis zur jeweiligen Frist?
  • Ist ein Zuschlag bereits auf das Erstangebot vorbehalten? Dann muss dieses bereits belastbar kalkuliert sein. § 15 Absatz 4 SektVO.
  • Enthält ein Lieferangebot relevante Drittlandswaren? Prüfen Sie die besonderen Regeln aus § 55 SektVO.
  • Hat jede offene Frage eine zuständige Person und einen internen Termin vor der externen Frist?

Halten Sie das Ergebnis auf einer Seite fest. Ein offener Eignungsnachweis gehört dabei ausdrücklich in die Entscheidungsvorlage, auch wenn der technische Leistungsumfang gut passt. So können Vertrieb, Fachteam und Einkauf früh klären, welche Arbeit vor einer verbindlichen Angebotsfreigabe nötig ist.

Häufige Fragen zur SektVO

Was ist die SektVO?

Die Sektorenverordnung regelt das Vergabeverfahren für Aufträge von Sektorenauftraggebern im Anwendungsbereich von GWB Teil 4. Der Auftrag muss einer erfassten Sektorentätigkeit dienen, etwa der Trinkwasser- oder Energieversorgung, dem Verkehr oder den Postdiensten.

Welche SektVO-Schwellenwerte gelten 2026?

2026 und 2027 gelten ohne Umsatzsteuer 432.000 Euro für reguläre Liefer- und Dienstleistungsaufträge sowie Wettbewerbe, 5.404.000 Euro für Bauaufträge und 1.000.000 Euro für die erfassten sozialen und anderen besonderen Dienstleistungen. Bereits das Erreichen des jeweiligen Werts genügt.

Ist jedes Stadtwerk ein Sektorenauftraggeber?

Der Name Stadtwerk entscheidet das nicht. Zu prüfen sind die Voraussetzungen des § 100 GWB und eine Sektorentätigkeit nach § 102 GWB. Für die Anwendung der SektVO muss außerdem der konkrete Auftrag dieser Tätigkeit dienen und in den einschlägigen Anwendungsbereich fallen.

Was unterscheidet die SektVO von der VgV?

Die SektVO betrifft bestimmte Sektorenvergaben. Sie erlaubt insbesondere die freie Wahl auch des Verhandlungsverfahrens mit Teilnahmewettbewerb und des wettbewerblichen Dialogs. Nach der VgV stehen grundsätzlich das offene und das nicht offene Verfahren frei zur Wahl; für andere Verfahrensarten gelten zusätzliche Voraussetzungen.

Übertragen Sie die Checkliste auf Ihre nächste Sektorenbekanntmachung und legen Sie die notwendige erste Aktion fest. Für die laufende Recherche können Sie anschließend die Ausschreibungssuche von procuris öffnen.